BorretschDie Pflanze
Borretsch (Borago officinalis) ist eine Gewürz- und Heilpflanze in der Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae). Die einjährige, krautige, an Stängeln und Blättern borstig behaarte Pflanze erreicht eine Höhe von 70 Zentimetern. Von Mai bis September trägt sie anfangs rosafarbene, später leuchtend blaue Blüten. Die Umfärbung erfolgt durch die Änderung des pH-Wertes. Der in den Blüten enthaltene Farbstoff verfärbt sich rot, wenn er in saure Lösungen kommt.
Die bestäubenden Insekten – vor allem Bienen und Hummeln – fliegen die nickenden Blüten von unten an. Bei den bestäubten Blüten bildet sich jeweils ein hartes, einsamiges Nüsschen, das ausgereift etwa fünf Millimeter lang und dunkelbraun wird. Die herabfallenden Samen werden durch Ameisen eingesammelt und in die oft weit entfernten Baue verschleppt.
Borretsch ist im Mittelmeergebiet beheimatet, wird aber inzwischen in fast ganz Europa und Nordamerika kultiviert. Zuerst wurde er in Frankreich eingeführt. Von dort gelangte er nach Deutschland, wo er bereits im 16. Jahrhundert als Gewürz- und Heilpflanze in Bauerngärten angebaut wurde.
Der Name
Die Herkunft des Namens Borretsch ist nicht sicher. Selbst die Schreibweise variiert zwischen einem und zwei „r“. Zum einen wird das lat. borra (= Gewebe aus rauer Wolle) mit Bezug auf die behaarten Stängel und Blätter herangezogen. Zum anderen wird auf das kelt. borrach (= Mut) verwiesen. Am wahrscheinlichsten aber ist die Herkunft aus der arabischen Sprache, wo abu araq der „Vater des Schweißes“ ist, denn in der Volksmedizin wird Borretsch verwendet, um heilende Schweißausbrüche hervorzurufen.
Ältere Schreibweisen sind laut Grimmschem Wörterbuch buglossa, borraw, borago.
Andere im Volksmund übliche Namen sind Biretsch, Blauhimmelstern, Boraka, Borgel, Borungen, Gegenfraßbleaml, Gurkenkraut, Herzblume, Herzfreude, Liebäuglein, Wohlgemutsblume und Wohlmutsblumen.
Wie so oft gelten solche Synonyma aber auch für andere Pflanzen, z.B. Gurkenkraut für Dill (Anethum graveolens), Herzblume (Dicentra eximia) oder Liebäuglein (Cynoglossum officinale).
Das Artepitheton officinalis verweist darauf, dass es eine in Apotheken gehandelte Arzneipflanze ist.
Die Nutzung
Borretsch enthält – wenn auch nur in geringer Menge – die als toxisch für die Leber geltenden Stoffe Amabilin, Intermedin, Lycopsamin und Supinin, weshalb vor einem regelmäßigen Genuss gewarnt wird. Gelegentlicher Verzehr gilt als unbedenklich. Blüten und Samen enthalten die genannten Ingredienzen nicht. Außerdem wurden in Borretsch Schleimstoffe, Gerbstoffe, Harz, Saponin, Kaliumnitrat, Kieselsäure, Gamma-Linolensäure und ätherisches Öl nachgewiesen. Der Vitamin-C-Gehalt frischer Pflanzen beträgt 149,3 mg pro 100 g Frischegewicht.
Als Heildroge werden z.B. die Blüten verwendet. Sie enthalten Bornesit, Allantoin, Schleimstoffe, Kaliumsalze. Die Volksheilkunde kennt die Anwendung bei Harnverhaltung, Fieber, Verschleimung der Atemwege, Durchfall, Entzündungen, Rheumatismus, klimakterischen Beschwerden und zur Blutreinigung.
Das Borretschkraut enthält Gerbstoffe, Kieselsäure, Schleimstoffe und Pyrrolizidinalkaloide. Letztere sind genotoxisch und krebserregend, weshalb bei der Verwendung Vorsicht angezeigt ist. Das Kraut ist ein Bestandteil der von Goethe gerühmten Grünen Soße, einem typischen Gericht aus dem Frankfurter Raum. Blüten und Blätter eignen sich wegen ihres gurkenähnlichen, erfrischenden Geschmacks sehr gut zum Aromatisieren von kalten Getränken. Die kandierten Blüten dienen zum Dekorieren von Süßspeisen. Die fein gehackten jungen Blätter gibt man als Würze an Obstsalate und Gemüse.
Im Iran werden die getrockneten Blüten als Tee (Gol Gav Zaban) bei Husten und Erkältung verwendet. Er gilt auch als nervenberuhigend.
Imker schätzen Borretsch als Bienenweiden. Der Nektar enthält 42 bis 53 Prozent Saccharose. Eine Blüte produziert täglich etwa 1,1 bis 1,3 mg Zucker. Von einem Hektar Ackerland können zwischen 60 und 210 kg Honig pro Blühsaison erzielt werden.
Borretschsamenöl enthält Fettsäureglyceride mit einem hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, insbesondere Gamma-Linolensäure. Es wird z.B. bei atopischen Ekzemen (Überempfindlichkeit) eingesetzt.
Die Legende
Von Borretsch heißt es, er symbolisiere Fröhlichkeit und Lauterkeit im Denken. Er hat den Ruf, die Lebensgeister zu wecken. Plinius schrieb: Ich, Boretsch, bringe immer Freude. Im Wallis sagt man „Kraut der Freude“.
Der englische Botaniker John Gerard schrieb 1597 in „The Herball, or Generall Historie of Plantes“: Heute tun die Menschen die Blüten in den Salat, um sich fröhlich zu stimmen und die Laune zu verbessern. Vieles kann man aus der Pflanze machen, was das Herz erleichtert, die Sorgen vertreibt und den Geist erhebt. Die Blätter des Boretsch, im Wein zu sich genommen, machen Männer und Frauen froh und glücklich, vertreiben Trauer, Langeweile und Melancholie. … Sirup aus Boretschblüten ist gut für das Herz, lässt die Melancholie vergeben und beruhigt die Verrückten.
Hildegard von Bingen pflanzte Borago in ihren Kräutergarten und bei Tabernaemontanus lesen wir 400 Jahre später: Welcher Mensch groß Herzzittern hätte / so von hitz käme / derselbige koche Borragen und Ochsenzungenkraut und Blumen in Wasser / und trincke darvon. (...) Dem die Zähn wehe thun / der kaue das Kraut offt und dick. (…) Die Blumen in Baumöl gelegt /und über das Herz und Magen geleget / ist ein guter Stärckung. (…) Welchem Menschen von melancholischen Dünsten das Hirn ausgetruknet ist / der nemme Borragen und Erdrauchsaft / netze einen Schwamm oder leinen Tüchlein darin / und lege sie über das Haupt.
Goethe hat sich die von seiner Mutter Aja zubereitete kalte Grüne Soße per Postkutsche von Frankfurt nach Weimar bringen lassen. Dass sie die „Grie Soß“ erfunden haben soll, ist allerdings eine Legende. Das Rezept war schon im Orient bekannt und ist vermutlich durch die Römer nach Gallien gekommen. Wahrscheinlich brachten die Hugenotten im 17. Jahrhundert die Sauce verte nach Hessen und ins Rhein-Main-Gebiet. Ein gedrucktes Rezept der Frankfurter Variante erschien zum ersten Mal 1860 in einem Frankfurter Kochbuch von Wilhelmine Rührig.
In einem Brief aus Jena vom 15. Januar 1811 bittet Goethe seine Frau Christiane dringlich: Wenn ihr mir den zugerichteten Schweinskopf schickt, so vergeßt die Sauce nicht: denn hier ist dergleichen schwer zu haben; wie denn auch unser gewöhnliches Essen so wenig erfreulich ist als sonst.
Im Liederbuch der Clara Hätzler kann man nachlesen: Boretsch soll der tragen, dessen Herz frei von allem Argen ist, und er will zu seiner Gerechtigkeit stehen.
Auch die christliche Symbolik bediente sich der Pflanze, um sie der Jungfrau Maria und ihrer Begnadung als Gleichnis ihrer Schlichtheit anzutragen. Die ansonsten unscheinbare und unaufdringliche Pflanze bildet besonders schöne blaue Blüten.
Mittelalterliche Maler ließen sich von der Schönheit der Blüte anregen auf ihren Tafelbildern, wie beispielsweise Fra Angelico (15. Jahrhundert) für das Himmelblau der Mariagewänder.